Die erforderliche Nagelanzahl

Dezember 24, 2006 in: Sonntags-Kolumne Autor: J. Lorch

Einer der höchsten Feiertage des Christentums steht vor der Tür, deshalb ist es vielleicht angebracht, ein biblisches Zitat an den Anfang zu stellen.

„Wo diese schweigen, werden die Steine schreien.“ (Lukas 19,40)

Mit diesen meint Jesus seine Jünger. Ich finde aber, dass in der „Legenda aurea“ des Jakobus a Voragine (um 1230 bis 1298) die Hilflosigkeit des Predigers besser zum Ausdruck kommt. In dieser Geschichte wird erzählt, dass Beda Venerabilis im hohen Alter erblindet ist und seine Führer ihn veranlasst haben, vor einem steinigen Tal zu predigen, als sei da eine große Menschenmenge. Am Schluss der Predigt hätten die Steine „Amen“ gerufen.


Welche aufgeplusterten Normen müssen noch aufgelegt werden, damit die Bauingenieure das „Amen“ rufen?

Ab hier bitte weiterlesen:

In unserer Ingenieurbox unter dem Abschnitt FAQ haben wir ein animiertes Bild „Antworten, die den Nagel auf den Kopf treffen“.  Wenn wir in der neuen DIN 1052 den Abschnitt 12.5 Verbindungen mit Nägeln durchlesen, habe ich gewisse Bedenken, ob wir in Zukunft in der Lage sind, noch den Nagelkopf im übertragenen Sinn zu treffen.

Ich werde ein einfaches Beispiel – Anschluss einer OSB-3 Platte an einen Holzpfosten – nach der alten und neuen DIN 1052 berechnen und die Ergebnisse gegenüberstellen. Sie können dann selbst beurteilen, welcher Aufwand zukünftig betrieben werden muss, um die erforderliche Nagelanzahl zu bestimmen. Kommentare zu diesem Beitrag sind erwünscht.

DIN 1052:2004-8           
vereinfachter Nachweis nach  DIN 1052 Abschnitt 12.5.3

Pfosten b/d = 80/120 mm
Nadelholz C24 (Werkstoff 1)
OSB-3 Platte Tab. F13  t = 18 mm
(Werkstoff 2)
Nagel 34x80 DIN EN 10230-1

Nutzklasse 2

veränderliche Einwirkung
FQ,k = 5000 N

(1) γQ = 1,50  DIN 1055-100 Tab A3 

(2) Ed = 1,50 * FQ,k
        = 1,5 * 5000
        = 7500 N

(3) KLED = kurz   Tab. 4 Zeile 5

(4) fh,1,k = 65 * d-0,7 * t0,1
            = 65*3,4-0,7 * 180,1
            = 36,85 N/mm²

(5) fu,k = 600 N/mm² DIN 1052 12.5.2 (2)

(6) My,k  = 0,3 * fu,k * d2,6

    = 0,3 * 600 * 3,42,6 = 4 336 Nmm


(7) kmod,1 = 0,90  Tab. F1 Zeile 7 Spalte 2


(8) kmod,2 = 0,70  Tab. F1 Zeile 13 Spalte 2


(9) kmod   = √ (kmod,1 * kmod,2 ) = 0,794


(10) Rk = A * √ ( 2* Myk * fh,1,k * d )

    = 0,80 * √ (2*4336*36,85*3,4)

    = 834 N

(11) A = 0,80  Tab. 11 Zeile 4 Spalte 2


(12) treq,2 = 7 *d = 23,8 mm > 18 mm


(13) treq,1 = 14*d = 47,6 < 120 mm (Spalten)


(14) treq,1 = 9 *d = 30,6 mm < 62 mm


(15) tvorh / treq,2 = 18 / 23,8 = 0,756


(16) Rd = Rk * kmod / γm

    = 834 * 0,794 / 1,1 = 602 N


(17) Rd *  tvorh / treq,2 = 602 * 0,756 = 455 N


(18) erf. n = 7500 / 455 = 16,4 Stk.

DIN 1052:1988-04

Pfosten b/d = 80/120 mm
Vollholz NH S10
OSB-3 Platte gemäß Zulassung t=18 mm
Nagel 34x80 DIN 1151

charakteristische Anschlusskraft 
F = 5000 N

(1) zul. N1 = 500 * dn2 / (10+ dn)
    = 431 N   
Lastfall H gemäß Abschnitt 6.2.2

(2) Einschlagtiefe s ≥ 12 dn
    =  41 mm < 62    

vorh s = 80 – 18 = 62 mm

(3) erf. Holzdicke a = (3 + 0,8 dn) dn
                    = 19,4 < 24 mm     

(4) erforderliche Nagelanzahl n
    = 11,6 Stk. 

Der Rechenaufwand beim vereinfachten Nachweis ist erheblich gestiegen und man muss ernüchternd feststellen, dass sich die Nagelanzahl gegenüber der alten Norm um 42% erhöht hat.

Bei der Gegenüberstellung wurde der oft erhebliche Aufwand nicht eingerechnet, der notwendig ist, um die maßgebende Einwirkung zu ermitteln. Es wurden die vereinfachten Kombinationsregeln nach DIN 1052:2004 Abschnitt 5.2 angesetzt. Ob nun die Grundregel nach DIN 1055:100 oder die vereinfachte Regel nach DIN 1052:2004 wirtschaftliche Werte liefert, hängt vom Verhältnis der veränderlichen Einwirkungen ab. Die vereinfachten Regelungen liefern zum Teil Werte, die um mehr als 10% höher sind.

Die Schnittkräfte der Pfetten, Sparren und Balken werden sicherlich auf der Grundlage der DIN 1055:100 ermittelt und die Bemessung wird auf dieser Grundlage durchgeführt. Es ist aber nicht gesagt, dass für einen Stoss diese Kombinationen ausreichend sind. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als zusätzliche Schnitte vorab im Rechenprogramm einzugeben, sofern dies im EDV-Programm möglich ist. In vielen Fällen wird sich der, in der Praxis von den Wissenschaftlern verteufelte, Globalsicherheitswert durch die Hintertür wieder einschleichen. Er wird sich für die Bemessung der Verbindungsmittel zwischen 1,40 und 1,50 einpendeln, denn der Aufwand wird nicht vergütet.

Die Befürworter der DIN 1052:2004-08 werden jetzt einwenden, dass der dargestellte Rechenaufwand aufgrund von Tabellen nicht erforderlich ist. Wenn man das Buch Schneider Bautabellen 17.Auflage zu Rate zieht, stellt man fest, dass der oben angeführte Fall nicht tabelliert ist. Es werden nur die Fälle Holz-Holz-Verbindungen (Tafel 9.42) und Holz-Stahlblech-Verbindungen (Tafel 9.43) behandelt.

Diese Tabellen sind aber nur für den Standardfall (Nutzklasse 1, KLED = mittel, Rohdichte 350 kg/m³ und Kennwerte fuk = 600 N/mm²) zulässig. Dies ist nicht ohne Weiteres sofort ersichtlich. Mit Hilfe der Tafel 9.8a kann der maßgebende Faktor k*  in Abhängigkeit von der Nutzklasse und der Lasteinwirkungsdauer KLED ermitteln werden. Weiterhin muss gemäß Fußnote beachtet werden, ob die Mindestholzdicken bzw. die Mindesteinschlagtiefe eingehalten sind. Ist dies nicht der Fall, so ist Rd noch einmal mit dem Faktor  tvorh / treq  abzumindern.

Der Einfluss der Rohdichte ist ebenfalls durch einen Faktor zu berücksichtigen. Die Formel lautet:

Rd = (ρk / 350)0,50 * Rd,standardfall

Bei Brettschichtholz GL36h mit einer Rohdichte von 450 kg/m³ bedeutet dies eine mögliche Erhöhung von 13%. Bei Laubholz D60 beträgt die Erhöhung 41%.

Bei den Standardtabellen wird bei Außenblechen die mögliche Erhöhung ΔRx,d bei Nägeln der Tragfähigkeitsklasse 3 auch nicht berücksichtigt. Auf diesen Einfluss werde ich in einer gesonderten Sonntagskolumne eingehen.

Der Einwand, dass es sich beim oben angeführten Beispiel um ein exotisches Beispiel handle, muss zurückgewiesen werden. Mehr als 95 % der Holzständerwände erhalten eine Beplankung aus OSB – oder GFK-Platten. Die Nachweise der Verbindungsmittel waren zwar in der Vergangenheit dürftig, sind jetzt aber wegen der vielen Randbedingungen unbedingt erforderlich, vor allem auch deshalb, weil die Beplankungsstärke in der Regel zwischen 12,5 und 16 mm liegt. Wie oben aufgezeigt, muss eine erhebliche Abminderung vorgenommen werden oder die Wahl des Nageldurchmessers muss optimiert werden. Ein zusätzlicher Rechenaufwand.

Für die Tragwerksplaner, die ihren Beruf als Hobby ausüben und keine Rücksicht auf den Zeitaufwand nehmen müssen, haben die Normenverfasser eine weitere Möglichkeit geschaffen, die Tragfähigkeit des Nagels mit einem genaueren Nachweisverfahren zur ermitteln. Im Anhang G der DIN 1052:2004-08 werden für den oben angeführten Fall – einschnittige Verbindung – 6 Formeln angegeben, mit deren Hilfe die maßgebende Tragfähigkeit auf Abscheren berechnet werden kann. Es müssen auf jeden Fall alle 6 Formeln ausgewertet werden, denn maßgebend wird der kleinste Wert.

Ich habe diese Formeln für das Beispiel ausgewertet; d.h. aber nicht, dass ich meinen Beruf als Hobby ausübe.

R1,d = 1377 N nach Gleichung (1) Anhang G

R2,d = 2559 N nach Gleichung (2) Anhang G

R3,d =   940 N nach Gleichung (3) Anhang G

R4,d =   563 N nach Gleichung (4) Anhang G  (maßgebend)

R5,d = 1058 N nach Gleichung (5) Anhang G

R6,d =   630 N nach Gleichung (6) Anhang G


Das ist ohne Zweifel die Quantenmechanik des Holzbaus, die Unschärferelation des Holzbaus. Man kann nicht mit Bestimmtheit voraussagen, welche Formel maßgebend wird, genauso wie in der Physik im Bereich der Quantenelektrodynamik.

Ohne EDV-Programme ist zu befürchten, dass die bisher spärlichen Nachweise der Nagelverbindungen, noch dürftiger ausfallen. Nagelverbindungen werden oft mit dem Hinweis abgetan, dass die Verbindung zimmermannsmäßig zug- und druckfest auszuführen ist. Ich habe da meine Zweifel, ob die Zimmereibetriebe in der Lage sind, diese Aufgabe zu bewältigen. Aufgrund meiner Adam- und Eva-Email haben sich verschiedene Dozenten der entsprechenden Fachschulen bei mir gemeldet und geklagt, dass der Inhalt der DIN 1052:2004-08 schwerlich den angehenden Zimmermeistern zu vermitteln sei.

Sehr häufig wird auf der Baustelle von den nachgewiesenen und geprüften Unterlagen abgewichen. Aufgrund der vielen Randbedingungen kann man nun nicht ohne Weiteres auf der Baustelle entscheiden, ob die abgeänderte Nagelverbindung ausreichend ist, es sei denn, man kauft sich ein EDV-Programm und nimmt den Laptop mit auf die Baustelle.

Ich habe mich deshalb entschlossen ein EDV-Programm für stiftförmige Verbindungen (Abscheren) für den Holzbau als Tech-News zu veröffentlichen. Das Programm steht. Wir suchen aber noch 5 bis 10 Bauingenieure, die sich bereit erklären, die Beta-Version zu testen. Bitte melden Sie sich unter unserer E-mail Adresse . Wir setzen uns dann mit Ihnen in Verbindung.

Ich wünsche Ihnen ein erholsames Weihnachtsfest und ein erfolgreiches Jahr 2007.
 

Es wurden 17 Kommentare abgegeben.

am 28. Dezember 2006 um 11:33

1

Ein interessantes Beispiel!
Es hat mich dazu veranlasst, noch einmal im Januar-Heft von brandeins zu blättern. Die Chefredakteurin Gabriele Fischer schreibt im Editorial dazu Folgendes:


Wer sich der Komplexität stellt, wird immer neuen Wege finden, mit ihr zu leben. Wer sich ihr verschließt, landet in der Esoterik – oder in der Mathematik.

Und damit schließlich am Computer. Und was der am Ende als Ergebnis auswirft, muss noch lange nicht der Weisheit letzter Schluss sein.
In diesem Sinne: einen guten Rutsch ins neue Normenjahr!

am 04. Januar 2007 um 16:01

2

Laut Duden
Norm: Richtschnur, Regel, Größenanweisung in der Technik

normalisieren: wieder normal gestalten

nach Fremdwörterbuch
Norm: Regel, Einheitsmuster, Vorbild, leitender Grundsatz

normalisieren: einheitlich machen, vereinheitlichen, normal gestalten,
den normalen Zustand wieder herstellen
Irgendwie sollte man den Verantwortlichen den Begriff Norm und den eigentlichen Sinn der Normung klar machen. Wenn das so weitergeht, fordere ich alle Statiker zu zivilen Ungehorsam auf. Hier profilieren sich welche auf unsere Kosten. Das hat doch alles nichts mehr mit “Norm"alität zu tun.

am 06. Januar 2007 um 14:19

3

Dieses Beispiel zeigt, wie weit der Normenwahnsinn schon gediehen ist. Es hat nicht mehr viel mit Praxis zu tun.

Wer die Zeit hat sich mit der Berechnung einer Nagelverbindung nach dem hier wiedergegebe-nen (vereinfachten!) Verfahren der DIN 1052:2004-8 zu befassen, kann nicht viel Erfahrung aus der Praxis besitzen. Er wird wohl nicht wissen, welchem Termindruck die Bauingenieure heutzu-tage ausgesetzt sind. Sollte jedes Bauteil und jede Verbindung einen solchen Aufwand erfordern, werden immer weniger Nachweise geführt werden (können), da ganz einfach die Zeit und auch die Bezahlung für diesen Aufwand fehlt.

Die neue Normengebung (ob im Holzbau, Massivbau, Grundbau, bei den Lastannahmen, im Brückenbau, eigentlich überall) sprengt eindeutig den Rahmen des Möglichen. Wir Bauingenieure bekommen von ein paar Wenigen, die in der Normengebung tätig sind, auferlegt, ihre theoretischen Wünsche zu übernehmen und diese umzusetzen. Wo bleibt deren Bezug zur Praxis?

Diese Leute haben offenbar keine Vorstellung, daß die von Ihnen gewünschte neuen Berechnungs- und Bemessungsverfahren eine VÖLLIG ÜBERTRIEBENE GENAUIGKEIT VORTÄUSCHEN und für gutes Bauen meist gar nicht praxisrelevant sind.

Man darf nicht vergessen: UNSER ZIEL IST ES ZU BAUEN! Und dabei zählt als erstes: Funktioniert’s oder funtioniert’s nicht, hält’s oder hält’s nicht....
Ob die Bemessung nach einem besonderen Verfahren, mit globalem oder gesplitteten Sicherheitsbeiwerten durchgeführt wird ist dabei VÖLLIG ZWEITRANGIG!

Ich kann nur hoffen, daß die Normengeber lernen, daß sie einen völlig falschen Weg beschreiten und einiges, was bis jetzt verbogen wurde, wieder gradegebogen wird.

Ich befürworte ausdrücklich Neuerungen in Normen und Richtlinien mit aufzunehmen, soweit sie sinnvoll sind und zu Verbesserungen führen, aber nicht kontraproduktiv die Arbeit erschweren.

Oliver Künzler, Dipl.-Ing. (FH)
KÜNZLER, Ingenieurbüro für Tragwerksplanung, Ludwigsburg

Stefan Mögele am 08. Januar 2007 um 12:40

4

Ein gelungenes Beispiel um zu verdeutlichen, daß die “Normenväter” aus uns Ingenieuren Rechenknechte machen wollen.
Wie soll ein junger Ingenieur ein Gefühl dafür entwickeln, ob eine Konstruktion standsicher ist oder nicht, wenn er sich erst durch einen Berg von (großteils nicht mehr nachvollziehbaren) Formeln kämpfen muß, um am Ende vom Ergebnis überrascht zu werden?
Wo bleibt das ingenieurmäßige Denken (Rückführung eines Problems auf das Wesentliche und schnelle, effektive Lösungssuche)?
War hier vielleicht die EDV-Programmhersteller-Lobby im Hintergrund aktiv ?
Oder handelt es sich bei der Normenumgestaltung eventuell gar um einen perfiden Plan, um aus Statikern Anarchisten zu machen?
Stefan Mögele, Dipl.Ing.Univ.
Ingenieurbüro für Tragwerksplanung, Bobingen

am 08. Januar 2007 um 15:23

5

Dieser Artikel trifft den Nagel auf den Kopf. Mir stellt sich die Frage, wie die Tragwerksplaner in Zukunft diese Normenflut bewältigen – und auch noch wirtschaftlich arbeiten sollen.

am 10. Januar 2007 um 11:41

6

Jetzt haben wir uns über die Zustände ausgekotzt.

Aber wie nun weiter?

Gibt es jemanden mit brauchbaren Vorschlägen, um die Situation zu ändern?
Die Internetseite http://www.normenflut.de hat ja leider auch nur das Ergebnis gebracht, dass man sieht, mit welcher Arroganz solche Beschwerden beantwortet werden.
Ich bin für jeden Vorschlag dankbar, der Ergebnisse in unserem Sinn bringt. Ich bitte Vorschläge.

am 19. Januar 2007 um 14:38

7

Bislang hat sich das bautechnische Wissen und die begleitende Normung kontinuierlich im Laufe der Zeit geändert. Der praktisch tätige Ingenieur hatte Zeit sich umzustellen und die Dinge zu verstehen. Mittlerweile ist er - wenn er sein Büro wegen “Weiterbildung” nicht schliessen will - gezwungen, Black-Box-Software einzukaufen und Knöpfchen zu drücken. Über die Jahre gesammeltes, gewachsenes Wissen wird enteignet und durch Softwarelizenzen mit monatlichem ( kostenpflichtigem ) Updating ersetzt.
Man stelle sich nur vor, wie Juristen reagieren würden, wenn man Ihnen über Nacht das bürgerliche Gesetzbuch durch eine Kompromiss-Sammlung europäischer Gesetzgebung austauschen würde!

am 01. Februar 2007 um 00:20

8

Ist dieser ganze vermeintlich exaktere Bemessungswahnsinn mit den auslegungsbedürftigen Normen vielleicht ein geeignetes Mittel der aufkommenden europäischen Konkurrenz das Fürchten zu lernen ?? Denn sollten diese Normen selbst in Deutschland von keinem mehr richtig zu interpretieren und zu verstehen sein, wird dieses Ziel doch zumindest sicher erreicht. Eventuell wird sich ja auch das ganze Ingenieurdasein in Zukunft ganz entscheidend ändern. Man benötigt dann für ein Einfamilienhaus nicht mehr nur einen Tragwerksplaner, nein, man benötigt dann in Zukunft mindestens 5 Spezialingenieure.
Einer der sich in der Belastungsnorm auskennt, einer der sich in der Holzbemessung auskennt, einer der die Stahlbaunorm hoch und runter beten kann, ein Weiterer natürlich für die Stahlbetonbemessung und ein Weiterer um die Sache zu koordinieren und eventuelle Schnittstellen auszugleichen. Einer alleine wird das in Zukunft nicht mehr schaffen, die ganzen Vorbildungsseminare und die Studien der Auslegungen und Ausnahmen zu erledigen. Bei größeren Bauvorhaben kommt auch noch der Spezialist für den Brandschutz hinzu.
Was lob ich mir die Statiken für die Gebäude aus den Jahren 1890-1960. Diese stehen auch noch recht stabil und über ihre geplante Nutzungsdauer hinaus.  Teilweise reichten 5-10 Seiten für eine Statik. Bald wird damit nur ein Sparren mit 16 Lastfällen zu bemessen sein.
Sind wir dem hilflos ausgeliefert ?? 
Ich glaube schon, denn wie soll der “kleine dumme” Ingenieur diese hoch ein “gebildeten” Pefektionisten aufhalten.  Er kann nur ebenso “dumme” Fragen stellen, weil er ja einfach nicht verstehen will, wie schwierig doch einfach diese ganze Materie doch gemacht werden kann, wenn man sich einfach genug Zeit nimmt, Langeweile hat und sich mal was richtig “Feines” ausdenkt.

Leider muss ich die Sache noch viel zu lange mitmachen, weil irgendwann mal Lust und Spass an einem Ingenieurberuf hatte, dieser vergeht mir immer mehr.

Michael Schmitz, Dipl.-Ing.
Ingenieurbüro für Tragwerksplanung, Mülheim an der Ruhr

am 02. Februar 2007 um 08:32

9

Ich danke Herrn Lorch sehr, daß er anhand eines kleinen expliziten Nachweises
das Handling und den Umfang der “neuen Holzbaunorm” darstellt.
Als Bauingenieur, der 1972 sein Examen machte, und der wirklich das ingenieurmäßige Denken noch lernen konnte, frage ich mich, was soll mit solch unausgegorenen , unhandelbaren Vorschriften bezweckt werden ?
Will man das Groß der Tragwerksplaner auf diese Art auf ein paar Großbüros herunterschrumpfen, die sich Spezialisten für jede Norm leisten können ?
Was dabei herauskommen kann, sieht man am Bahnhof Berlin !
Wenn man bedenkt, daß wir Bauingenieure heute die Tragwerksplanung für ein Wohnhaus zum selben Preis wie vor 30 Jahren erstellen müssen, wird man bald einsehen, daß unsere Branche totz unterstützender Software, die auch kaum mehr bezahlbar ist, dem Exitus entgegen geht, wenn wir uns nicht wehren.
Aber vermutlich ist es schon 5 Minuten nach 12 !
Wie sollen wir unseren Beruf weiter ausüben ?

In großer Sorge um unsere Zukunft !

Karl-Heinz Wössner, Dipl.-Bauingenieur FH
Ingenieurbüro für Tragwerksplanung, 72336 Balingen

am 03. Februar 2007 um 18:30

10

Wollen wir bei dem schönen Beispiel mit den Nägeln bleiben: Was macht ein Zimmermann,der seit 30 Jahren erfolgreich Nägel mit dem Hammer einschlägt,wenn ein Normenmacher kommt und Ihm sagt,er muß seine Nägel nun mit der Faust einschlagen?
Ich jedenfalls komme mir vor wie besagter Zimmermann. Wenn ich nun davon ausgehen kann, daß von den Normenmachern wohl die wenigsten in Ihrem Leben wirklich Nägel eingeschlagen haben-sprich in der realen Welt Ihren Lebensunterhalt damit verdienen mußten, ist es wohl an der Zeit zu handeln.

Ende 2004 fand an der TU in München ein Seminar zur Einführung von
DIN 1045-1 statt, bei dem Herr Prof.Dr. Zilch (Obmann im betreffenden
Normenausschuß) mit seinen Assistenten herzlich wenig für uns in der
Praxis tätigen Ingenieuer bieten konnte.
Auf entsprechende Einwände und Vorhaltungen am Ende sagte Prof.Zilch
nahezu wörtlich : “Sehen Sie diese Regeln nur als erweitertes Angebot, als zusätzliche Möglichkeiten an, sie müssen diese ja nicht anwenden!!”

Erzwingen wir eine bauaufsichliche Einführung dieser Aussage!!!!

Es ist ja nicht so,daß unsere bisherigen Regeln nicht ausreichend oder falsch
gewesen wären bzw.unbefriedigende Ergebnisse geliefert hätten.

am 13. Februar 2007 um 13:27

11

Leider war ich gezwungen eine Dachlatte 30/50, die mit üblichen Nägeln
31*80 befestigt werden sollte, nachzuweisen. Nachfolgend das Ergebnis.
Hoffentlich stimmts nicht.

Nachweis einer gebräuchlichen Dachlatte 30/50 nach DIN 1052: 2004-08, 12.5
Lattendicke t = 30,00 mm
Lattenbreite b = 50,00 mm

Befestigung mit üblichen Nägeln (nicht vorgebohrt)
Nageldurchmesser d = 3,10 mm
Nagellänge l = 80,00 mm

Nadelholz C 24 (übl. Schnittholz, Fichte o.ä) Rohdichte = 350,00 kg/m3

Ermittlung der Mindestholzdicke
(Gl. 217) t req = 9 * d=27,90 mm <= t vorh = 30,00 mm

DIN 1052, 12.5.2, (13): 
Wegen der Spaltgefahr des Holzes muss bei Nagelverbindungen ohne Vor-
bohrung die Dicke t von Bauteilen aus Schnittholz mindestens betragen: 

(Gl. 218) t = max{14*d;(13*d-30)*ρk/200}= 43,40 mm
(Gl. 219) t = max{ 7*d;(13*d-30)*ρk/400}= 21,70 mm

Die Mindestdicke t nach Gleichung (219) gilt auch für Bauteile aus
anderen Nadelholzarten, falls die Mindestnagelabstände zum Rand recht-
winklig zur Faser mindestens 10 * d für ρk <= 420 kg/m3 betragen. 
Randabstand quer zur Faser vorh. a2,t = 25,00 mm
> 10 * d = 31,00 mm

Daraus folgt: 
Die Latte muss bei 50 mm Breite eine Dicke von 43,4 mm haben oder um
die Latte 30 mm dick auszuführen muss sie eine Breite von 62 mm haben. 
Schlussfolgerung: 
Damit wäre die übliche Dachlatte mit der gebräuchlichsten Befestigung
nicht mehr ausführbar.

am 13. Februar 2007 um 16:38

12

Wenn die Rechnung von Herrn Lang stimmt - ich habe sie nicht geprüft, aber ich wäre auch überrascht, wenn sich schon einmal früher jemand die Mühe gemacht hätte, die übliche Dachlatte zu überprüfen, sowas fällt einfach nicht in den Kompetenzbereich eines Ausschusses, das ist zu trivial - dann bestätigt das meine seit langem gehegte Befürchtung, daß sich eine Haltung breitmacht, sinngemäß:
“Stellt euch vor, es gibt eine Norm und keiner hält sich dran” - ach, Entschuldigung, es muß heißen:
“Stellt euch vor, es gibt eine Norm und drei Berichtigungen und 218 Auslegungen, einen Kommentar und die 3. berichtigte Auflage der Empfehlungen zur Anwendung der Norm in Verbindung mit dem Kommentar und keiner hält sich dran”.
Wir kommen dann in einen Zustand omnipräsenter Normen, die hauptsächlich dazu dienen, in einem juristischen Streit die Zahl der Verfehlungen des Tragwerksplaners zu belegen.
Die Juristen werden sich freuen.
Ingenieurverstand wird Auslegungsorgien geopfert.
Wer, bitte schön, soll dann die Ingenieure noch ernst nehmen?

am 14. März 2007 um 18:38

13

Zur Rechnung von Herrn Lang. In DGfH (Hrsg.): Erläuterungen zur DIN 1052:2004-08 - 2. Aufl. 2005 steht auf Seite 157 im Erläuterungsteil:
“Es bestehen [...] keine Bedenken, eine lineare Interaktion [...] anzuwenden: Beträgt z. B. a2,c das 1.6-fache des Wertes nach Tabele 10, genügt für die Mindestholzdicke der 1.4-fache Wert nach Gleichung (219).”
Das heißt für das Beispiel von Herrn Lang: a2,c=1.6*5*d=25mm und t=1.4*7*d=30mm. Die Dachlatte 30x50 mit Nägeln 3.1x80 geht also in Ordnung.

am 17. März 2007 um 11:44

14

Es muss die Frage erlaubt sein, warum man die Formeln in den Erläuterungen
nicht in den Normtext aufgenommen hat oder anders formuliert, warum
gibt es zwei Varianten? Antwort: Weil dann teilweise die Notwendigkeit entfällt das 150.-€ Werk der ERläuterungen zu kaufen.

am 24. März 2007 um 12:24

15

Das Lamentieren nützt nichts. So kommen wir nicht weiter!
Weshalb kam es zu derart umständlichen und aufwändigen Normen, die den Ingenieurverstand, die Übersichtlichkeit und somit die Verständlichkeit außer Kraft setzen?
Das liegt doch wohl einzig und allein an den Verfassern dieser Vorschriften! Die Normen fallen nicht vom Himmel, sie sind nicht Gottgegeben. Sie werden, so zeigen die Ergebnisse, von Leuten erstellt, die analytisches, exaktes und präzises Denken gelernt haben, nicht aber wie man eine Statik aufstellt und das Ergebnis einem rein praktisch denkenden Person verständlich und zweifelsfrei mitteilen kann, und das dann auch noch in einer Zeit, die erträglich genannt werden kann.
In den Normenausschüssen sind praktisch tätige Ingenieure mit Erfahrung notwendig, die sich verständlich machen können und sich auch behaupten und durchsetzen können! Nur das hilft weiter und bringt Besserung, alles andere bleibt lamentieren.

am 11. Oktober 2007 um 05:21

16

Vielleicht sollte man die Überfrachtung und Verkomplizierung der Normen rein pragmatisch sehen:

Die Väter der Normung erschaffen einen guten Vorwand, endlich die HOAI wieder zur Geltung bringen zu können. Bei Vertragsverhandlungen muss man nur noch ein paar Beispielausdrucke mitnehmen und jeder Bauherr wird verstehen, dass man das darin angeführte Honorar auch wirklich braucht!

am 26. Februar 2008 um 11:25

17

Als Architekt können einem die Bauingenieure leid tun. Aber in der EnEV sieht es nicht viel besser aus. Wenn ich allerdings bedenke, mit welchen Holzdimensionen (insgesamt ca. 1/2 Wald) wir kürzlich eine Balkenlage ausführen mussten, vermute ich eine gaanz aktuelle Software bei den Ingenieuren und einfach keine Lust mehr, sich ernsthaft damit auseinander zu setzen. Wann denn auch? So kommt die Knöpfchendrückerei. Ein Bauphysik-Professor aus dem Studium saß im Normenausschuss. Ein Bauingenieur, der die Baustellen-Arbeit als Normen-Ausführungsdienst versteht, nichts weiter. Und wenn wir dann noch erfahren, dass diese Normenausschüsse zum großen Teil aus Industrie-Vertretern bestehen (die DIN-Missdeutung Deutsche IndustrieNorm ist so verkehrt nicht), schauen wir nochmal nach und lesen wir im Pflichtenheft der Bautätigen, dass wir dem Stand der Technik und den technischen Regeln entsprechend zu bauen haben. Davon gibt es viele (z.B. VDI im Elektrobereich). Von DIN lese ich da wenig. Puuhh, danke.

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